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Rät­sel um den mi­kro­bi­el­len Bu­tan­ab­bau ge­knackt

17.10.2016

For­scher aus dem Max-Planck-In­sti­tut für Ma­ri­ne Mi­kro­bio­lo­gie in Bre­men und Kol­le­gen am Helm­holtz-Zen­trum für Um­welt­for­schung (UFZ) in Leip­zig ha­ben ei­nen neu­en Weg ent­deckt, wie mi­kro­bi­el­le Ge­mein­schaf­ten den che­misch trä­gen Koh­len­was­ser­stoff Bu­tan auch ohne Sau­er­stoff zur En­er­gie­ge­win­nung nut­zen kön­nen. In Pro­ben aus dem Gu­ay­mas-Be­cken im Golf von Ka­li­for­ni­en mach­ten sie Kon­sor­ti­en aus bis­her un­be­kann­ten Ar­chae­en und Bak­te­ri­en aus­fin­dig, die Bu­tan über neue Stoff­wech­sel­we­ge fres­sen. Ver­öf­fent­licht sind die For­schungs­er­geb­nis­se jetzt im Fach­jour­nal Nature.

 

Gasförmige Kohlenwasserstoffe im Meeresboden


Man braucht nur ei­nen gas­för­mi­gen Koh­len­was­ser­stoff, Sau­er­stoff und eine Zünd­quel­le: Ob im Gas­herd, im Feu­er­zeug, oder im Cam­ping­ko­cher – Erd­gas ist dank sei­ner ho­hen En­er­gie­dich­te ein be­gehr­ter En­er­gie­trä­ger. Erd­gas ist im Mee­res­bo­den häu­fig an­zu­tref­fen. In den obe­ren Schich­ten des Mee­res­bo­dens ent­steht vor­ran­gig Me­than, dies als Pro­dukt so­ge­nann­ter me­tha­no­ge­ner Ar­chae­en. Die wirt­schaft­lich in­ter­es­san­ten Gas­vor­kom­men be­fin­den sich je­doch in viel tie­fe­ren Schich­ten des Mee­res­bo­dens. Dort wird or­ga­ni­sches Ma­te­ri­al – also Res­te ab­ge­stor­be­ner Pflan­zen, Tie­re und Mi­kro­or­ga­nis­men – un­ter ho­hen Tem­pe­ra­tu­ren rein che­misch in gas­för­mi­ge Koh­len­was­ser­stof­fe und Erd­öl um­ge­wan­delt. Die­ses Erd­gas ent­hält auch ei­nen gro­ßen An­teil kurz­ket­ti­ger Koh­len­was­ser­stof­fe wie Pro­pan und Bu­tan, wel­che un­ter leich­tem Druck schon flüs­sig wer­den. Wenn die­ses Erd­gas im Mee­res­bo­den in be­leb­te Se­di­ment­schich­ten auf­steigt, kön­nen es Mi­kro­or­ga­nis­men als En­er­gie­quel­le nut­zen. Di­rekt an der Ober­flä­che der Se­di­men­te ver­brau­chen Bak­te­ri­en es mit dem che­misch sehr ak­ti­ven Sau­er­stoff. Ist kein Sau­er­stoff mehr vor­han­den, fin­den an­de­re Mi­kro­or­ga­nis­men al­ter­na­ti­ve Wege um das Erd­gas für sich zu nut­zen. 



Wie Mikroorganismen ohne Sauerstoff Erdgas als Energiequelle nutzen können


Un­ter­schied­li­che Mi­kro­or­ga­nis­men ha­ben sich auf die Nut­zung ver­schie­de­ner Koh­len­was­ser­stof­fe spe­zia­li­siert. Die An­ae­ro­be Oxi­da­ti­on von Me­than (AOM) ist seit ei­ni­gen Jah­ren be­kannt. Me­than wird ohne Sau­er­stoff in Kon­sor­ti­en von Ar­chae­en und Bak­te­ri­en ab­ge­baut. Die Me­than oxi­die­ren­den (me­tha­notro­phen) Ar­chae­en nut­zen da­bei die­sel­ben En­zy­me wie ihre Me­than er­zeu­gen­den Ver­wand­ten, al­ler­dings in um­ge­kehr­ter Rich­tung. Das mo­le­ku­la­re Stemm­ei­sen um Me­than zu ak­ti­vie­ren, trägt den Na­men Me­thyl-Co­en­zym-M-Re­duk­ta­se (MCR), wel­ches die ANME Ar­chae­en in gro­ßen Men­gen her­stel­len. In die­sem En­zym wird das Me­than­mo­le­kül mit der Schwe­fel­ver­bin­dung Co­en­zym M ver­knüpft und in wei­te­ren Re­ak­tio­nen kom­plett zu Koh­len­di­oxid (CO2) oxi­diert. An­stel­le Sau­er­stoffs dient als Oxi­da­ti­ons­mit­tel Sul­fat, das in den Sul­fat re­du­zie­ren­den Part­nerbak­te­ri­en zu Schwe­fel­was­ser­stoff um­ge­wan­delt wird. Als Ab­bau­er kurz­ket­ti­ger Koh­len­was­ser­stof­fe mit drei oder mehr Koh­len­stoff­ato­men sind bis­her nur Bak­te­ri­en be­schrie­ben wor­den, die ihr Sub­strat kom­plett oxi­die­ren und selb­stän­dig an die Re­duk­ti­on von Sul­fat kop­peln.

Der neue Abbauweg für Butan basiert auf den Prinzipen des Methanabbaus

Nun ha­ben For­scher in Se­di­men­ten von den hei­ßen Quel­len des Gu­ay­mas Be­ckens neue Kon­sor­ti­en aus Ar­chae­en und Part­nerbak­te­ri­en ent­deckt, die mit Bu­tan als ein­zi­ger Nah­rungs­quel­le an­ge­rei­chert wer­den konn­ten und da­bei Sul­fid pro­du­zie­ren. In dem Ge­nom der Ar­chae­en fan­den sie nicht die be­kann­ten Gen­se­quen­zen des an­ae­ro­ben Bu­tan­ab­baus. „Statt­des­sen fan­den wir ver­schie­de­ne Gen­se­quen­zen, die ent­fernt mit den MCR-Ge­nen der me­tha­no­ge­nen und me­tha­notro­phen Ar­chae­en ver­wandt sind. Konn­ten die in die­sen Ge­nen ver­schlüs­sel­ten En­zy­me wirk­lich auch das Bu­tan an­grei­fen? Und wel­che wei­te­ren Schrit­te wä­ren da­nach für den kom­plet­ten Ab­bau von Bu­tan not­wen­dig?“ frag­te sich Ra­fa­el Laso-Pé­rez, Dok­to­rand am Max-Planck-In­sti­tut und Er­st­au­tor der jetzt in Na­tu­re ver­öf­fent­lich­ten Stu­die. Ei­nen ent­schei­den­den Be­weis für die­se un­ge­wöhn­li­che che­mi­sche Ak­ti­vie­rung wur­de über den Nach­weis des che­mi­schen Pro­dukts ge­lie­fert: Soll­te die Bu­tan-Ak­ti­vie­rung ähn­lich dem an­ae­ro­ben Me­than­ab­bau ver­lau­fen, dann müss­te das Pro­dukt Bu­tyl-Co­en­zym M nach­weis­bar sein. Dies ge­lang UFZ-Mi­kro­bio­lo­ge Dr. Flo­rin Musat und sei­nen Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen mit­hil­fe ei­nes ul­tra-hoch­auf­lö­sen­den Mas­sen­spek­tro­me­ters am UFZ in Leip­zig.
„Me­thyl-Co­en­zym-M-Re­duk­ta­sen wur­den bis­her als ty­pi­sche Ver­tre­ter Me­than-spe­zi­fi­scher En­zy­me be­kannt. Mit dem Nach­weis von Bu­tyl-Co­en­zym M konn­ten wir klar zei­gen, dass spe­zi­el­le Me­thyl-Co­en­zym-M-Re­duk­ta­sen nicht nur Me­than son­dern auch grö­ße­re Koh­len­was­ser­stof­fe ak­ti­vie­ren“, er­läu­tert Flo­rin Musat.



 

Shelly Dawicki
Das Tauchboot Alvin des Woods Hole Oceanographic Institution (WHOI), mit dem die Forscher mit ihren Kollegen von der University of South Carolina in Chapel Hill die ursprünglichen Sedimentproben in 2000 m Wassertiefe entnommen und zum Schiff gebracht haben (Shelly Dawicki © Woods Hole Oceanographic Institution).
Rafael Laso-Pèrez and Victoria Orphan
Schema der Butanoxidation in Archaee mit dem Namen Candidatus Syntrophoarchaeum butanivorans und der gekoppelten Sulfatreduktion im Partnerbakterium HotSeep-1. Butan bindet in der MCR an das Coenzym M und Butyl-Coenzym M wird gebildet. Das Butan wird in der Archaee komplett zu Kohlendioxid (CO2) oxidiert. Die freiwerdenden Elektronen werden dem sulfatreduzierenden Bakterien (Hotseep-1) über Nano-Drähte übertragen.

Auch der wei­te­re Ab­bau von Bu­tyl-Co­en­zym M konn­te auf­ge­klärt wer­den. Er ver­läuft teils über be­kann­te Me­cha­nis­men der Me­tha­no­ge­ne­se und der Me­than­oxi­da­ti­on. Zu­sätz­lich konn­ten Ab­bau­we­ge für But­ter­säu­re (Bu­ty­rat) und Es­sig­säu­re iden­ti­fi­ziert wer­den. Ge­mein­sam er­mög­li­chen die­se Ab­bau­we­ge die kom­plet­te Oxi­da­ti­on von Bu­tan in den Ar­chae­en. „Da­bei wur­den vie­le Lö­sun­gen von an­de­ren Or­ga­nis­men im­ple­men­tiert. Man spricht hier von ei­nem ho­ri­zon­ta­len Gen­trans­fer“ er­läu­tert Dr. Gun­ter We­ge­ner, In­itia­tor der Stu­die: „Es war ein lan­ger Weg zur Lö­sung die­ses Rät­sels und vie­le For­scher wa­ren dar­an be­tei­ligt.“ 
Wie ihre Me­than oxi­die­ren­den Ver­wand­ten sind die­se Bu­tan­oxi­die­rer al­ler­dings nicht in der Lage, die bei der Oxi­da­ti­on ih­res Sub­strats frei­wer­den­den Elek­tro­nen selbst auf ei­nen Elek­tro­nen­ak­zep­tor zu über­tra­gen. Ge­nau wie in AOM-Kon­sor­ti­en sind sie da­bei auf Part­nerbak­te­ri­en an­ge­wie­sen. 
„Auf elek­tro­nen­mi­kro­sko­pi­schen Auf­nah­men der Bu­tan­kul­tur sind win­zi­ge Pro­tein­ver­bin­dung zwi­schen Ar­chae­en und Bak­te­ri­en zu se­hen. Durch die­se Mi­kro-Dräh­te flie­ßen die Elek­tro­nen. Auf­grund sei­ner Ei­gen­schaf­ten als mit ei­nem Part­nerbak­te­ri­um le­ben­den But­an­fres­ser ha­ben wir den Ar­chae­en den Na­men Syn­tro­pho­ar­cha­e­um bu­ta­ni­vor­ans ge­ge­ben. Ein syn­tro­pher Aus­tausch von Elek­tro­nen über Pro­tein­ver­bin­dun­gen ist da­mit in ei­nem wei­te­ren Or­ga­nis­mus ge­zeigt“, er­läu­tert Dr. Gun­ter We­ge­ner und er­gänzt:„Wir bli­cken bei die­sen Kon­sor­ti­en ver­mut­lich tief in die Ver­gan­gen­heit, denn eine Ak­ti­vie­rung von Bu­tan über den Co­en­zym M-Me­cha­nis­mus und die Auf­ga­ben­tei­lung in zwei Or­ga­nis­men scheint die ur­sprüng­li­che Lö­sung der Na­tur zu sein“.

Rafael Laso-Pèrez and Victoria Orphan
Spezifische Färbung der Zellen in einem Butan-oxidierenden Konsortium. Rote Färbung zeigt die Archaeen (Candidatus Syntrophoarcheum butanivorans) grüne Färbung die Bakterien (Hotseep-1) an. (Quelle: Rafael Laso-Pèrez and Victoria Orphan, Caltech, USA).
Copyright: Andre Künzelmann
Holler
Von hier stammen die Proben. Das Guaymas-Becken im Golf von Kalifornien.


Links unten: Dr. Florin Musat am ultrahochauflösenden Massenspektrometer im UFZ. Dieses Gerät ist wichtiger Bestandteil der Technologieplattform ProVIS, die Forschern weltweit die Möglichkeit zu mikroskopischen Einblicken in Zellen und ihre räumliche Anordnung bietet. (UFZ / André Künzelmann).

 

Offene Fragen bleiben
Wo auf der Erde kom­men die­se ge­ra­de ent­deck­ten Kon­sor­ti­en noch vor? War­um und un­ter wel­chen Be­din­gun­gen setzt sich die­se Auf­ga­ben­tei­lung in Form von Kon­sor­ti­en zwei­er Or­ga­nis­men ge­gen­über ei­ner Kopp­lung in ei­ner Zel­le durch? Gibt es an­de­re Me­thyl-Co­en­zym-M-Re­duk­ta­sen, die hö­h­er­ket­ti­ge Al­ka­ne ak­ti­vie­ren kön­nen? Die­sen span­nen­den Fra­gen wer­den sich die For­scher am Max-Planck-In­sti­tut für Ma­ri­ne Mi­kro­bio­lo­gie und dem Helm­holtz-Zen­trum für Um­welt­for­schung (UFZ) zu­künf­tig wid­men.

 

 

Be­tei­lig­te In­sti­tu­te
Max-Planck-In­sti­tut für Ma­ri­ne Mi­kro­bio­lo­gie, Bre­men
MA­RUM, Zen­trum für Ma­ri­ne Um­welt­wis­sen­schaf­ten, Uni­ver­si­tät Bre­men
Max-Planck-In­sti­tut für Bio­phy­si­ka­li­sche Che­mie, Göt­tin­gen, Ger­ma­ny. 
Al­fred-We­ge­ner-In­sti­tut, Helm­holtz-Zen­trum für Po­lar- und Mee­res­for­schung, Bre­mer­ha­ven
Cen­trum für Bio­tech­no­lo­gie, Uni­ver­si­tät Bie­le­feld
Helm­hotz Cent­re for En­vi­ron­men­tal Re­se­arch – UFZ, Leip­zig 

 

Ori­gi­nal­ver­öf­fent­li­chung

Ther­mo­phi­lic ar­chaea ac­tiva­te bu­ta­ne via al­kyl-CoM for­ma­ti­on. Ra­fa­el Laso-Pé­rez, Gun­ter We­ge­ner, Kat­rin Knit­tel, Fried­rich Wid­del, Ka­tie J. Har­ding , Vio­la Kru­ken­berg, Di­mi­tri V. Mei­er, Mi­cha­el Rich­ter, Ha­li­na E. Te­get­mey­er, Diet­mar Rie­del, Hans-Her­mann Rich­now, Lo­renz Adri­an, Thors­ten Reemts­ma, Oli­ver Lech­ten­feld, Flo­rin Musat. Na­tu­re, 2016 doi: 10.1038/​​na­tu­re20152

 

 

Rück­fra­gen an
Ra­fa­el Laso-Pe­rez, Max-Planck-In­sti­tut für Ma­ri­ne Mi­kro­bio­lo­gie,
D-28359 Bre­men, Te­le­fon: 0421 2028 867, rl­pe­rez@mpi-bre­men.de

Dr. Gun­ter We­ge­ner, Max-Planck-In­sti­tut für Ma­ri­ne Mi­kro­bio­lo­gie, 
D-28359 Bre­men, Te­le­fon: 0421 2028 867, gwe­ge­ner@mpi-bre­men.de

Dr. Flo­rin Musat, Helm­holtz-Zen­trum für Um­welt­for­schung (UFZ) Leip­zig,
D-04318 Leip­zig, Te­le­fon: 0341 235 1005, flo­rin.musat@ufz.de 

oder wen­den Sie sich an die Pres­se­ab­tei­lung des Max-Planck-in­sti­tuts
Dr. Man­fred Schlös­ser und Dr. Fan­ni As­pets­ber­ger 
pres­se@mpi-bre­men.de 0421 2028 704

 
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