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Die Mi­kro­be des Jah­res 2019: Die kleins­te Kom­pass­na­del der Welt

04.02.2019

Schon mal von der „Greifswalder Magnetspirale“ gehört? Vermutlich nicht, aber ziemlich sicher sind Sie ihr schon, wenngleich unwissentlich, begegnet. Denn die Magnetspirale wohnt weit verbreitet im schlammigen Boden von Tümpeln, Flüssen, Seen und Meeren. Sie ist winzig klein, sehr faszinierend und voller Potenzial. Deswegen wurde sie auch zur diesjährigen „Mikrobe des Jahres“ gewählt.

Die Greifs­wal­der Ma­gnet­spi­ra­le, eine Ver­tre­te­rin die­ser Gat­tung, heißt ei­gent­lich Magnetospirillum gryphiswaldenseMagnetospirillum hat eine ganz be­son­de­re Fä­hig­keit: Sie be­sitzt in ih­rem In­ne­ren eine win­zig klei­ne Kom­pass­na­del. Die er­laubt es ihr, sich am Ma­gnet­feld der Erde zu ori­en­tie­ren. Die­se Fä­hig­keit nutzt die Mi­kro­be, ge­mein­sam mit ei­nem ein­ge­bau­ten Sau­er­stoff­sen­sor, um sich stets in die Schicht des Schlam­mes zu be­ge­ben, in der sie sich am wohls­ten fühlt.

Ma­gne­to­spi­ril­lum am Bre­mer Max-Planck-In­sti­tut

An­fang der sech­zi­ger Jah­re ent­deck­te der Ita­lie­ner Sal­va­to­re Bel­li­ni die ers­ten so­ge­nann­ten ma­gne­to­tak­ti­schen Bak­te­ri­en. Doch ihre Er­for­schung zog sich noch lan­ge hin. Im Jahr 1990 ge­lang es Dirk Schü­ler, da­mals Stu­dent in Greifs­wald, Magnetospirillum aus dem Schlamm ei­nes klei­nen Flus­ses zu iso­lie­ren. Das er­leich­ter­te die For­schung enorm: Nun konn­te man die­se Bak­te­ri­en deut­lich bes­ser im La­bor un­ter­su­chen und bald auch ge­ne­tisch ma­ni­pu­lie­ren.

Ei­ni­ge Jah­re spä­ter kam Schü­ler nach Bre­men ans Max-Planck-In­sti­tut für Ma­ri­ne Mi­kro­bio­lo­gie, wo er von 1999 bis ins Jahr 2006 eine Nach­wuchs­grup­pe lei­te­te. Auch hier wid­me­te er sich in­ten­siv der Er­for­schung der Ma­gnet­bak­te­ri­en. Ge­mein­sam mit In­sti­tuts­di­rek­tor Ru­dolf Amann, dem mitt­ler­wei­le eme­ri­tier­ten Di­rek­tor Fried­rich Wid­del und an­de­ren Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Wis­sen­schaft­lern er­forsch­te er bei­spiels­wei­se ihre Bio­di­ver­si­tät in den Se­di­men­ten von Seen und Küs­ten­mee­ren. „Ein wei­te­rer For­schungs­schwer­punkt der Ar­beits­grup­pe Schü­ler am Bre­mer Max-Planck-In­sti­tut war die Ent­ste­hung und An­ord­nung der Ma­gnet­par­ti­kel, der so­ge­nann­ten Ma­gne­to­so­men, im Zel­lin­ne­ren von Magnetospirillum“, so Amann.

Magnetospirillum gryphiswaldense in Teilung mit Magnetitkristallen (rot) und Membranvesikeln (gelb) und dem speziellen Cytoskelett (grün) sowie Geißeln zur Fortbewegung (ocker).
Magnetospirillum gryphiswaldense in Teilung mit Magnetitkristallen (rot) und Membranvesikeln (gelb) und dem speziellen Cytoskelett (grün) sowie Geißeln zur Fortbewegung (ocker). © Mauricio Toro-Nahulepan, Universität Bayreuth/ Jürgen Plitzko, MPI für Biochemie, Martinsried

Für Schü­ler, der seit 2014 den Lehr­stuhl Mi­kro­bio­lo­gie an der Uni­ver­si­tät Bay­reuth in­ne­hat, war die Zeit in Bre­men sehr wich­tig. „Durch die dor­ti­ge For­schungs­frei­heit und viel­fäl­ti­gen Ko­ope­ra­ti­ons­mög­lich­kei­ten konn­te ich am Max-Planck-In­sti­tut wich­ti­ge Grund­la­gen für mei­ne wei­te­re For­schung an Ma­gnet­bak­te­ri­en le­gen“, er­klärt er.

Von Fos­si­li­en zu Mi­kroro­bo­tern

Sich teilende Zelle von Magnetospirillum gryphiswaldense mit Magnetitkristallen (Transmissions-elektronenmikroskopische Aufnahme).
Sich teilende Zelle von Magnetospirillum gryphiswaldense mit Magnetitkristallen (Transmissions-elektronenmikroskopische Aufnahme). © Frank Mickoleit, Universität Bayreuth

Auch geo­phy­si­ka­lisch sind die Ma­gnet­bak­te­ri­en ein span­nen­des For­schungs­ob­jekt: Ster­ben die Bak­te­ri­en, wer­den die Ma­gne­to­so­men frei­ge­setzt. Sie blei­ben oft im Bo­den er­hal­ten und ver­ra­ten als Fos­si­li­en ei­ni­ges dar­über, wie sich in frü­he­ren Zei­ten das Ma­gnet­feld der Erde ver­än­dert hat.

Doch nicht nur für ein bes­se­res Na­tur­ver­ständ­nis ist Magnetospirillum in­ter­es­sant. Zu­se­hends rü­cken auch bio­tech­no­lo­gi­sche An­wen­dun­gen ins Zen­trum des In­ter­es­ses. Die win­zi­gen Ma­gne­te glei­chen sich in Grö­ße und Form aufs Ge­nau­es­te und sind hoch ma­gne­ti­siert. Bis heu­te ist es nicht ge­lun­gen, Par­ti­kel mit sol­cher Prä­zi­si­on und sol­chen Ei­gen­schaf­ten künst­lich her­zu­stel­len. Sie könn­ten als Kon­trast­mit­tel in der Ma­gnet­re­so­nanz­to­mo­gra­phie (MRT) und an­de­ren bio­me­di­zi­ni­schen Ver­fah­ren die­nen. Auch in der Tu­mor­be­kämp­fung wer­den Ma­gne­to­so­men be­reits er­probt. Ma­gne­ti­sche Mi­kro­ben könn­ten au­ßer­dem mit Me­di­ka­men­ten be­la­den und an­schlie­ßend ge­zielt an ei­nen ge­wünsch­ten Wir­kort im Kör­per ge­lenkt wer­den – Mi­kroro­bo­ter als win­zi­ge Ret­tungs­wa­gen.

Auch Schü­lers heu­ti­ge For­schung, die ak­tu­ell durch den re­nom­mier­ten ERC Ad­van­ced Grant ge­för­dert wird, zielt un­ter an­de­rem in bio­tech­no­lo­gi­sche Rich­tung: Er will mit sei­nen Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen neue Ver­fah­ren ent­wi­ckeln und er­pro­ben, mit de­nen sich ma­gne­ti­sche Ei­gen­schaf­ten auf Or­ga­nis­men über­tra­gen las­sen, die sol­che von Na­tur aus nicht ha­ben.

Mi­kro­bio­lo­gie im Gar­ten­teich

Rasterelektronenmikroskopische Aufnahme von M. gryphiswaldense.
Rasterelektronenmikroskopische Aufnahme von M. gryphiswaldense. © Frank Müller, Universität Bayreuth

Wol­len Sie nun selbst mal ei­nen Blick auf die ma­gne­ti­schen Winz­lin­ge wer­fen? Das ist gar nicht so schwer: Im Gar­ten­teich oder Tüm­pel fin­den sich vie­le ver­schie­de­ne Ar­ten: Stäb­chen, Ku­geln, Spi­ra­len und so­gar mehr­zel­li­ge Zu­sam­men­schlüs­se. „Mit ei­nem Mi­kro­skop, das min­des­tens 100­fach ver­grö­ßert, be­trach­tet man den Rand ei­nes Schlamm­trop­fens, an den man ei­nen klei­nen Stab­ma­gne­ten hält“, er­klärt Schü­ler. „Die Ma­gnet­bak­te­ri­en schwim­men hart­nä­ckig in eine Rich­tung und sam­meln sich am Trop­fen­rand des ma­gne­ti­schen Süd­pols.“ Dreht man den Ma­gne­ten um, wen­den auch die Bak­te­ri­en. „Wer je­mals Bak­te­ri­en mit ei­nem ein­fa­chen Stab­ma­gne­ten aus Se­di­ment an­ge­reicht und mi­kro­sko­piert hat, wird den Aha-Ef­fekt nicht ver­ges­sen.“

 

Fanni Aspetsberger

 

Für wei­te­re In­for­ma­tio­nen:

Rück­fra­gen bit­te an:

Prof. Dr. Dirk Schüler
Prof. Dr. Dirk Schüler (© Christian Wißler, Universität Bayreuth)

Lehr­stuhl für Mi­kro­bio­lo­gie
Uni­ver­si­tät Bay­reuth

Prof. Dr. Dirk Schüler

Te­le­fon:  +49 921 55-2729
dirk.schueler@uni-bayreuth.de

Prof. Dr. Rudolf Amann
Prof. Dr. Rudolf Amann (© A. Kegel, MPI-Bremen)

Di­rek­tor
Max-Planck-In­sti­tut für Ma­ri­ne Mi­kro­bio­lo­gie Bre­men

Prof. Dr. Rudolf Amann

Te­le­fon: +49 421 2028-930
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